Was ich über Timothée, Kyle, Trevor und andere Typen auf Dating-Apps gelernt habe.

Toleranz, Mitgefühl und Solidarität füreinander sollten das ganze Jahr über gelebt werden. Aus diesem Grund hört der Pride Month bei uns nicht im Juni auf. Wir möchten euch in den kommenden Wochen Menschen aus der LGBTQ+-Community vorstellen, die so lieb waren und ihre Erfahrungen und Gedanken mit uns teilen.

Den Anfang macht Sebastian. O.P. mit einem Text zu Gay Dating. Er verrät uns, worauf  jede*r beim Online Dating achten sollte und welche Tipps er früher gern selbst gehabt hätte.

 

Meine Erfahrungen mit “dem Katalog” (oder den Katalogen), wie mein Freund Joey Dating-Apps nennt, gehen zurück ins Jahr 2012. Ich bin gerade von Dublin nach Berlin gezogen und war fasziniert von der Stadt, die niemals schläft. Zu den Rhythmen des besten Berliner Underground-Techno fand ich mich inmitten der Heißesten der Heißen wieder. Nur meine Icebreaker schienen nicht ganz so gut anzukommen – vielleicht war aber auch die Musik zu laut und meine Flirtversuche konnten akustisch einfach nicht verstanden werden (diese Version rede ich mir gern selbst ein). Ich jedenfalls tanzte mir einen Weg aus dem Club. Schachmatt.

Eine kleine Offenbarung

Zu dieser Zeit hatte ich schon von Dating-Apps für Schwule gehört, aber noch keine Anstalten gemacht, es selbst auszuprobieren. Erst nach mehrfachen Ermutigungen befreundeter schwuler Männer und dem Anerkennen des Hypes, gab ich mich dem Gruppenzwang hin. Ich muss sagen, dass es meinem Selbstwert guttat. Ich hatte endlich eine Vielzahl von Männern mit ähnlichen Interessen gefunden, die nicht unbedingt auf der Suche nach der großen Liebe, sondern auch an etwas Lockerem interessiert waren und dann waren da ja auch noch meine jungen Hormone…(tadaaaa!).

Seitdem verlief meine Beziehung zu Dating-Apps wie eine Achterbahnfahrt – oder wie eine Serie von “Wir-hätten-heiraten-können” (auch hier; das ist einfach die Version, die ich mir selbst gern einrede.) Hier geht es nicht darum, Dating-Apps zu dämonisieren. Es ist nicht die Schuld der Apps, wenn du im Match merkwürdig swipest oder nicht checkst, dass dieses heiße Bild ein Foto von Ryan Gosling ist. (Ja, ich weiß, bei mir ist er auch nie aufgetaucht.) 

An alle Heten da draußen

Gay Dating-Apps machten den Anfang. Wir sind Trendsetter, zum Guten und Schlechten. Ihr habt den Trend nur angenommen und die Tipps aus diesem “Adam & Steve Do’s and Don’ts” Ratgeber hätte ich selbst damals auch gern gehabt.

Doch, du hast einen bestimmten Typ.

Sprich mir nach: Ich habe einen Typ. Nimm nicht einfach den Höchstbietenden (genau, der Mister “Hallo Hübsche*r, komm auf meine Terrasse mit der tollen Aussicht und trinke französischen Champagner mit mir”.) – Es sei denn, genau das ist dein Typ. Dann gilt: à chacun son goût oder auch: jede*r, wie es ihm*ihr gefällt. 

In allen anderen Fällen ist dein Fingerspitzengefühl entscheidend. Swipe ihn mit Lichtgeschwindigkeit hinfort, wenn du nur den Hauch eines Zweifels hast und nur so nebenbei: Dieser Sekt ist höchstwahrscheinlich eh nicht aus Frankreich. Was uns zum zweiten Tipp führt.  

Nulltoleranz für Geschwätz 

Gay Dating-Apps haben einen ziemlich schlechten Ruf, weil sie ihren Nutzern erlauben, ihre Ablehnung gegenüber ethnischen Gruppen und Genderzugehörigkeiten öffentlich auszudrücken. Ein Amerikaner asiatischer Herkunft drohte mit einer Sammelklage gegen die bekannteste Gay Dating-App, nachdem er in einem Profil “Keine Asiaten, bitte” lesen musste. 

Hier geht es doch darum, miteinander Spaß zu haben. Und  außerdem ist Nulltoleranz für Intoleranz bei einem Mann so verdammt sexy.

(Anm. d. Red.: Immer wieder gibt es Beschwerden über den Ethnizitätsfilter bei bestimmten Dating Apps. Nun auch wieder akut im Zuge der Black Lives Matter-Proteste. Bis zum Stand der Veröffentlichung wurden diese noch nicht entfernt.)

Wie man Profile richtig liest

Eine Fähigkeit, die man zu Beginn ebenfalls erst einmal lernen muss, ist der Profilcheck. Falle nicht sofort auf die magischen Schlagworte in seiner Profilbeschreibung herein. Lies den ganzen Text und frage dich, ob sie mit den 4 F’s matchen: Flüge, Fitness, Freunde, Food. Wenn ja, ist er ein Social Media-Roboter, der wahrscheinlich dramatische Filter verwendet und dich eiskalt aus dem Bild schneidet, wenn deine Kleidung nicht zu seinem pastellfarbenen Feed passen. Warum ist heutzutage eigentlich niemand mehr an guter alter Archäologie oder auch mal Tree-Shaping (aufwendiges Formen von Bäumen) oder sonstwas interessiert?

Ein neuer Tag, ein neues Drama.

Der Struggle is real, wenn man das Paradoxon der zu großen Auswahl begreift. Warum du immer noch Single bist? Easy. In Ryan bist du nicht mehr verknallt. Jetzt gehört dein Herz schon Trevor. Die Spice Girls haben schon 1997 vorhergesagt, dass zuviel von etwas schlimm genug ist

Und nochmal: Vertraue deinem Fingerspitzengefühl und gib dem Unerwarteten eine Chance (immer im Hinterkopf bleiben natürlich die 4 F’s.)

Hatfishing und andere Märchen ohne Happy End

(Hatfishing: Jemand, der auf allen Profilbildern einen Hut trägt, um seine Glatze zu verstecken.) 

Irgendjemand muss den Text von Beyoncé’s “Single Ladies (Put a Ring on it)”, übersetzt “Steck einen Ring an”, missverstanden haben. Wenn du eine Glatze bekommst, solltest du keinen Hut draufstecken, bzw. aufsetzen! Wenn er  bei der Hochzeit seiner Schwester ein Basecap trägt, und dennoch darauf besteht, dass er langes blondes Haar hat, hat der Typ ein Problem mit seinem Selbstbewusstsein und kann den natürlichen Prozess des Haarverlusts, den nun einmal viele Männer im Leben durchmachen, nicht akzeptieren. Persönlichkeit und Haare sind nicht miteinander verwandt und darüber hinaus zahlt Ehrlichkeit sich aus!

Die Realität der LGBTQ+-Community und wie wir mit Bullshit umgehen.

Wenn du zu den Glücklichen gehörst, die einen schwulen Freund haben, der dir das Vokabular unserer Dating-Apps näher gebracht hat, weißt du wahrscheinlich, was “straight-acting”, übersetzt “sich hetero verhalten”, bedeutet. Eine solche legendäre Kreatur bezeichnet sich selbst als maskulin, aber sobald Britney Spears gespielt wird, ertappt er sich dabei, wie er zum Gayven durchbrennt (unser Gay Heaven, mit dem Soundtrack von Donna Summer oder Britney Spears) und mit seinen Tanzmoves selbst die Gewinnerinnen von RuPaul’s Drag Race in den Schatten stellt. Wie gehen wir damit um? Wir swipen schnell und energisch weiter zum nächsten Profil, unbehelligt, und immer noch hoffend, dass der nächste Typ dieser Ryan ist, der nie auftaucht. 

 

Über den Autor:

Sebastian O.P. ist ein in Deutschland geborener Sarde, der in Barcelona lebt. Er denkt gern von sich als Küstenbewohner, der sich hin und wieder dem Charme großer Städte hingibt. London ist sein Favorit. Er ist ein Hutsammler, Amateur-Astronom und ein stolzer LGBTQ+-Aktivist. Unser Autor arbeitet im digitalen Marketing, aber hat ein analoges Herz. Einen Teil seines Honorars spendet er an IGLA Europe. Die Organisation setzt sich für die Rechte von LGBTI-Menschen in Europa und Zentralasien ein.

Twitter: https://twitter.com/ichbinsebastian

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